Zweimal ist mir Marcel Görke aufgefallen, bevor ich an einem Oktoberabend sein Heimatjuwel betrete. Äußerst positiv auf einer Veranstaltung durch seine “Hamburger Aalsuppe neu interpretiert”. Einer mit Schinkensud, salziger Dampfnudel, Ackergemüse und Kräutern schmackhaft-intensiven, aber deutlich entschlackten und leichteren Variante eines Regionalgerichts. Eine Küche, wie er damals berichtet hatte, die er zu der Zeit im Hamburger Restaurant Stüffel kochte. Vor diesem gut ein Jahr währendem Gastspiel war er neben Patron Karlheinz Hauser Küchenchef im mit zwei Sternen ausgezeichneten Seven Seas.

“So fein schmeckt lokal”

Dass Facebook dafür sorgte, dass er mir ansonsten auch als Fan des deutschen Rekordmeisters auffiel, kann ich locker beiseite schieben, als ich sein Restaurant betrete, das in einer ruhigen Wohngegend liegt, von außen unauffällig und von innen angenehm unprätentiös eingerichtet ist. Mitte des Jahres hat Marcel Görke den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und in Hamburg-Eimsbüttel mit dem Heimatjuwel sein erstes eigenes Restaurant eröffnet. Hier will er schnörkellos und regional kochen. Dazu listet die übersichtliche Speisekarte bei jedem Gericht den Produzenten der im Mittelpunkt stehenden Zutat auf.dsc_8181

Als Küchengruß gibt es Aal, Pflaumensauce, Wildkräuter, Speck. Das Arrangement um den Fettfisch schmeckt sehr gut und natürlich klar. Interessanterweise ergeben sich aus dem Zusammenspiel der Begleiter entfernt geschmackliche Anklänge an die fiese Sauce beim McRib. So entfernt allerdings, dass man sich Plaume, Speck und geröstetes Brot zum Aal merken sollte.dsc_8185Das Menü startet mit einem “Krabbenbrot”: Malz  Malz Gartenkresse Hüttenkäse. Auf dem dünnen, knusprigen Backwerk – die Proportionen stimmen eben – schmeckt man die Krabben, die vom Krabbenhandel Friedrichskoog stammen, deutlich. Auch, weil die weiteren Begleiter stimmig sind und als frischer Akzent im Hintergrund spielen. Einzig die Kresse-Crème wirkt auch als bewußter Kontrast gegen das süßliche Krustentierfleisch etwas zu herb.
dsc_8194Ich lese das erste Wort auf bin skeptisch, bis Blumenkohltexturen, confierter Lachs, Vogelmiere, Krustentiersud vor mir stehen. Gedanklich hatte ich mich schon auf ein von Texturgebern zusammengehaltenes Schlamassel eingestellt. Doch Görke zeigt, das man das Gemüse, das hier vom Hamburger Bauerngarten stammt, auch auf natürliche Art mit abwechslungsreicher Konsistent verarbeiten kann: Püree, ganze, aromatisierte Röschen, gebraten und roh gehobelt. Trotz deutlichem Kohlaroma fehlt jegliche Penetranz, sodass der zarte Fisch nicht untergeht. Der Krustentiersud hält das mit Geschmack und Leichtigkeit zusammen. dsc_8202

Die Leichtigkeit der Sauce wird bei Tafelspitz vom Bio-Rind, Roter Spitzkohl, Gelbe Bete, Meerrettich ein wenig zum Verhängnis. Hier dürfte es ruhig ein wenig mehr Sauce sein; nicht unbedingt auf dem Teller, aber vielleicht zum Nachschenken.Doch das sensationell gute und intensive Fleisch von Gut Kiepelshagen, das man bei den Genusshandwerkern bestellen kann, funktioniert auch ohne Saucenbad. Mehr als die süße Saftigkeit des Gemüses ist da nicht weiter vonnöten. Mehr Fleisch braucht man zwar nicht auf dem Teller, will man aber dennoch.dsc_8209dsc_8213Während Holsteiner (Obsthof Harms), Cox, gepickelte Rosinen, Zimt, Karamelleis  wohlschmeckend eher die Müsli-Gesund-Richtung einschlägt, ist Weiße Schokolade (Original Beans), Panna Cotta, Kakao, Nougat, Estragon das üppigere und gefälligere Dessert, ohne dabei mit dumpfer Schwere zu erschlagen. Beide sind gut, zum Restaurant-Konzept ist das Apfel-Dessert die wahrscheinlich passendere Wahl.dsc_8176Das Heimatjuwel ist ein Restaurant, das ich gerne in meiner Nachbarschaft hätte. Klare Aromen ohne Zinnnober, und saisonale Produkte aus der Region in entspannter Atmosphäre und das alles zu fairen Preisen. Die Weinkarte ist durchaus noch ausbaufähig, dafür gibt es eine Auswahl an Craft Beer.

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