Hätte das Johanns in Waldkirchen, im tiefsten Bayerischen Wald im Dreiländereck Deutschlands, Tschechiens und Österreichs und fernab der Autobahn gelegen, 2014 keinen Stern im Guide Michelin bekommen, hätten der Erstbesuch und dieser Zwischenstopp auf dem Weg nach Oberösterreich wahrscheinlich nicht stattgefunden. Und im Portemonnaie wären ein paar mehr Euro. Denn nicht nur das vernünftig moderat kalkulierte Essen stand am Ende auf der Rechnung, sondern ebenfalls T-Shirts mit Wendemuster für den Nachwuchs und zwei Kapuzenpullis für die Großen.

Nein, zum Restaurant gehört kein Shop mit Devotionalien. Vielmehr ging das Konzept auf, vor oder nach dem Shopping gut zu essen – oder nach dem Essen zu shoppen, je nach persönlichem Schwerpunkt. Wie auch im Modehaus Engelhorn in Mannheim mit dem ‘Opus V’ und dem ‘La Corange’ setzen die Urenkel von Modehaus-Begründer Johann Garhammer seit 2013 auf Casual Fine Dining mit Anspruch. Anderenorts werden wie im Hamburger Alsterhaus mit dem japanischen Restaurant Yoshi und im Düsseldorfer Kö-Bogen – passend zur Sylt-affinen Landeshauptstadt – mit der Sansibar by Breuninger und dem Emma Wolf in Mannheim ähnliche Konzepte verfolgt.Restaurant Johanns Waldkirchen Außenansicht Modehaus GarhammerEs überrascht, dass in der beschaulichen, wenngleich pittoresken, Stadt Waldkirchen ein riesiges, modernes Modekaufhaus mit stylishem Rooftop-Restaurant und Rundblick aufs Dreiländereck steht. Das Modehaus muss man sich als eine Art Peek & Cloppenburg vorstellen, allerdings mit besserem Kundenservice und Beratung, schließlich hat das Unternehmen 500 Angestellte. Und eine hohe fünfstellige Zahl an Kundenkarten im Umlauf – Respekt! Das lichtdurchflutete Restaurant verströmt an keiner Stelle Provinzialität,  sondern bietet neben der spektakulärer Aussicht ein gemütliches Design-Interieur aus Beton, Glas und modernen Möbeln, kombiniert mit Holzbalken unter der Decke.
Der Oberbekleidungseinzelhändler setzt im nach dem Gründer benannten Restaurant Johanns auf einen Koch aus der Region. Der 1983 geborene Michael Simon Reis stammt aus dem nahen Passau. Vor seiner Rückkehr nach Niederbayern arbeite er im Entwicklungsteam des Wiener Steirerecks. Dort begann auch seine Karriere, die ihn zwischenzeitlich zu Johanna Maier in Filzmoos, in die Villa Hammerschmiede in Pfinztal, insTristan auf Mallorca und zu Arzak in San Sebastian führte.

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Im Gegensatz zum letzten Besuch geht es an einem der wenigen verregneten Augustmittage ohne Amuse-Vorspiel los. Regionaler Bezug und kulinarische Spitzenküchen-Herkunft sind direkt beim Start mit der „Brotzeit“ spürbar. Individuell und köstlich der Geschmack der Kombination aus hauchdünnen Scheiben gesurtem Wollschwein und fein darüber geriebener Geflügelleber. Dazu gibt’s säuerlich-kräftige Bierradi-Würfel, pikante Pfefferoni, markanten Liebstöckelsenf und ein unsüßes Laugenbrioche. Alles in abgewandelter, verfeinerter und durchdachter Form Bestandteile einer gröberen, zünftigen Brotzeit – ein in den letzten Jahren stets optimiertes Signature Dish im Johanns.
In die weitere kulinarische Welt führt fein geschnittenes, präzise pikant gewürztes Tatar vom Bayerwald-Ox mit geriebenen Avocado und Rauchmandeln. Grandios der Tortilla dazu, ein perfektes Kartoffelbrot. Bitte eine doppelte Portion dieser effektvollen und natürlichen Vorspeisen!
Feinfühlig behandelte die Küche das feste und aromatische Fleisch des Süßwasser-Störs mit einem Hauch Gewürzlack. Dazu passen unaufgeregt gefüllte Zucchini, saisonale Eierschwammerln (Pfifferlinge) und die kräftige Nussbutter-Sauce. Deren Karamell-Süße kontrastieren eingelegte Mispeln mit Säure und Bittere und sorgen bei subtil ineinandergreifenden natürlichen Texturen für knackigen Biss. Der Geschmack von Brust und Haxerl vom nahen Geflügelhof Pauli liegt weit entfernt von banalem Geflügelfleisch. Zu dieser Fleischeslust reichen ein wenig durchdeklinierter Mais, der mehr das Getreidige als Süße betont, und geschmorte Lauchherzen. Die Patisserie hält mit dem moderat süßen Dessert Honigbiene rund um Bienenwachs und Honig sowie den unaufgeregt köstlichen und erfrischenden Sommerbeeren spielend mit.
Vor den T-Shirts suchte sich die Kleinste der Tischgesellschaft noch eine vorzügliche Suppe von der liebevoll zusammengestellten Kinderkarte aus, die schnell weggelöffelt wurde. Zum einen, um sich dem “Kinderhandy” widmen zu können, zum anderen, um das Eis zu genießen, das sich das strahlende Kind in der Küche bei der Patissière selbst mit Streuseln verzieren durfte. So geht der Umgang mit Kindern im Restaurant!

Das Fazit

Gute Küche aus Könnerhand und regionalen Anklängen funktioniert auch an unerwarteter Stelle. Am stärksten mit Individualität und Regionalität wie bei den g’schmackigen und präzisen Vorspeisen. Dazu passt das Zitat auf der Restaurantwebsite und auf der Rechnung von Michael Simon Reis: “Gut kochen zu können, bedeutet nicht, sofort aufzufallen, sondern lange im Gedächtnis zu bleiben.”

Marktplatz 24
94065 Waldkirchen
restaurant-johanns.de

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