Zusammenkommen bei Kalbsklopsen bis Pekingente

Das Orania ist ein Hotel mit Restaurant und Bar in Berlin-Kreuzberg. Ungewöhnlich ist, dass Philipp Vogel gleichzeitig Hoteldirektor und Küchenchef ist. Nach einem guten Pre-Dinner-Cocktail geht es im erweiterten Wohnzimmer der Hotellobby weiter mit seiner Küche, die wie die Nachbarschaft bunt gemischt ist und deren Charme sich erst recht beim zweiten Blick zeigt.

Der Weg die Straße zum Orania führt vorbei an Döner-Läden, an alternativen Buchhandlungen und versifften Kneipen. Für die einen beherbergt das Eckhaus am Oraniaplatz ein Monument der Gentrifizierung. Bei anderer Betrachtungsweise ein schönes Hotel. Einen Hort der Ruhe im ohnehin bereits luxussanierten Kreuzberg mit in die Höhe katapultierten Mietpreisen. Einem Kreuzberg, wo sich die Multikulti-Alternativ-Erzählung aus Vorwendezeiten auf das hippe und kapitalistische Berlin des Jetzt trifft. Vielleicht passt gerade dazu der – natürlich durchdesignte  – holzige Alt-Hotel-Charme des Orania, der sich farblich und stimmungsmäßig von standardisierten Interiordesigns abhebt. Vielleicht ist es kein Wunder, Dinge anders zu machen und zu sehen. Schließlich steckt hinter dem Orania Dietmar Müller-Elmau, der das abgeschiedene Luxusrefugium Schloss Elmau bei Garmisch-Patenkirchen betreibt.

Viel spannender ist eine Personalie, schließlich geht es hier primär ums Essen. Philipp Vogel kam nach Stationen bei Thomas Martin in Hamburg und Dieter Müller in Lerbach und internationalen Zwischenstopps über eine Kuchenchef-Postion im besternten Restaurant Edvard in Kempinski Palais Hansen in Wien nach Berlin. Und zwar in Doppelfunktion als Hoteldirektor und Küchenchef. Dabei unterstützt ihn seine Ehefrau Jennifer, die auf Erfahrungen in der Spitzen-Hotelerie zurückblicken kann.

Orania Berlin Philipp VogelVon der kleinen Rezeption des 41-Zimmer-Hotels geht es in den Bar-Lobby-Bereich. Getrennt durch leichte, bunte Vorhängen schließt das Restaurant mit seiner offenen Küche an. Natürlich bleibt latent Eindruck, in einem Hotelrestaurant zu gastieren. Ist ja auch der Fall. Doch schafft es das Orania ein Gefühl einer Art erweiterten Wohnzimmers zu erzeugen. Hier finden Konzerte statt. Hier ist jeder willkommen.

Der Service im Restaurant ist locker, beinahe jovial. Hier geht’s nicht um ehrfurchtsvoll zelebrierte Hochküche, sondern und eine muntere Mischung aus verfeinerten Hausmannskost, internationalen Gerichten und Gerichten zum Teilen. Recht treffend ist auf der Orania-Website zu lesen: “Philipp Vogel ist ein Meister in der Kunst der Verfeinerung des Elementaren und der Beschränkung auf drei Zutaten pro Gericht, die er auf unverwechselbare Weise mit unterschiedlichen Methoden zubereitet.”

Die verlockenden Gerichte für Zwei sind für den Alleinesser ebenso kein Thema wie die Kreuzberger Pekingente. Die gibt es heute nicht und das lässt die Küchencrew eines vegetarischen Restaurants von der gutbesuchten, einladenden Bar unverrichteter Nahrungsaufnahme wieder abrücken. Beim nächsten Mal. Schließlich ist die Stimmung im Orania locker, die Atmosphäre strahlt angenehme Wärme aus. Das Preisniveau in Restaurant und Bar sind vernünftig, das Übernachten freilich schlägt mit mehr zu Buche, Doch wer will in Berlin schon schlafen?

Ohne weiteres Vorspiel kommt Brot mit sehr guter Butter auf den Tisch.

Orania Berlin Philipp VogelLauwarmer Pulpo-Salat Escalivada

Orania Berlin Philipp VogelKalbsklopse mit Steinpilzen

Der Pulpo ist kräftig angebraten und aromatisiert. Dabei ist sein Fleisch gleichzeitig wunderbar zart und geschmacksintensiv. Die Stücke liegen auf lauwarmer Aubergine, Paprika und Tomate. Bei Escalivada handelt es sich um ein Gemüsegericht aus Katalonien. Das Gemüse wird dabei scharf gegrillt, um anschließend die schwarze Schale abziehen zu können. Im Oraniahat das weiche Gemüse eine gute Intensität, die von einigen fruchtigen Tupfer und einem Petersilie lastigem Zwischending aus Pesto und Kräuteröl unterstützt wird. Das Ergebnis ist ein mehrheitsfähiger Geschmack bei einer leckeren und gut gemachten Vorspeise mit Natürlichkeit und ohne große Verfremdung.

Zwischen Süffigkeit, Säure und umami-Wumms ist der Zwischengang angesiedelt. Die Kalbsklopse sind fluffig-fein näher an Königsbergern als an ‘ner ollen Bulette und mit knusprigem Brot bestreut. Tomatenstückchen und Kräuter brechen die Sauce mit saftig-intensiven Steinpilzen wunderbar auf. Bei dem vermeintlichen einfachen Gericht, das es erst einmal gilt, so aromatisch und ausgewogen auf den Punkt zu bringen, werfen Erbsen knackig grüne Frische in die Schüssel.

Orania Berlin Philipp VogelTaube, Kürbis, Tandoori

Orania Berlin Philipp VogelFeige, Macaron, Jivara Schokolade

Zur kernigen Taube kombiniert Philipp Vogel würzigen, exotischen und beinahe fruchtigen Kürbis als Scheiben, Kugeln und ausgebackene Kroketten, die – außen knusprig, innen ganz weich – mit Püree gefüllt sind. Im Schüsselchen nebendran liegen die Innereien bedeckt von einer an eine Sauce Hollandaise erinnernden Schaumsauce. Die Sauce mit Purple Curry dazu passt wunderbar zum Kürbis und – das ist mittlerweile ein Standard – zur Taube. Ein richtiges Hauptgericht, ein gutes Hauptgericht.

Ein karamelliger Riesenmacaron, gefüllt mit Schokoladeneis, steht im Mittelpunkt des Desserts. Mit Port und Thymian abgeschmeckte Feige und eine kompottartige Sauce und Schokoladenespuma sorgen für einen unkomplizierten und befriedigenden Abschluss eines entspannten Abendessens.

Orania Berlin Philipp Vogel

In der gut gefüllten Wohnzimmer-Lobby spielt nun ein Pianist. Kurz zur dezent in einer Ecke platzieten Rezeption, um den Koffer einzusammeln. Das Taxi ist in wenigen Minuten da und fährt unter dem kalten Himmel im kalten Berlin zum Motel One. Das Geld will schließlich in Essen investiert werden. Beim nächsten Mal unbedingt in die X Berg Peking Duck. Dazu lässt sich in der übersichtlichen Weinkarte sicherlich das Richtige finden, auch einen Sake.

Oranienstraße 40
10999 Berlin
orania.berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.