There is no time Wir sind pünktlich, mit unser Ankunft fünf Minuten vor der reservierten Zeit sozusagen überpünktlich. Schon die Website und später der Kontrollanruf, ob wir denn wirklich zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort erschienen, weisen darauf hin, dass wir für unser Dinner im Portland einen time slot von zwei Stunden hätten.

This is no time for shaking heads Das ist verständlich und das abendliche Tasting Menü mit vier Snacks und fünf Gängen sollte in dieser Zeit entspannt zu schaffen sein. Man besetzt die 45 Sitzplätze am Abend doppelt oder noch häufiger. Schließlich fällt das kleine, einladende Restaurant in einem ehemaligen Showroom für Bekleidung – gerade an einem Samstagabend – in die Kategorie: interessante Karte, nachbarschaftliche Preis und das alles mit einem darüber leuchtendem Michelinstern. Verantwortlich für die Küche hier und im Schwesterrestaurant Clipstone ist der Mittzwanziger Merlin Labron-Johnson aus Devon, der zuvor Souschef von Kobe Desramaults im In De Wulf war. Am Herd stand bei unserem Besuch Edoardo Pellicano.

Die Speisekarte liest sich neu-britisch und allgemeinen (urbanen) Trends entsprechend: viel Gemüse, gerne fermentiert, lokale Herkunft, die im Portland, wie auch der Verzicht auf emblematische Edelprodukte der Gourmetküche, die man in einer globalisierten Welt letztlich überall bekommen kann, ein wenig großzügiger ausgelegt wird – schließlich sind wir in Fitzrovia, angrenzend Marylebone, einem der besseren Stadtteile der Metropole.

This is no time for endless thought  Voll ist es im Restaurant, wuselig und eng. Wir ordern schnell zwei der Drinks, die der Service neben Schaumweinen als Aperitif empfiehlt. Auch an der Speisekarte halten wir uns nicht lange auf: soviel wie möglich in kürzester Zeit, das Menü! Kulinarisches Minimax-Prinzip.

Die ersten Snacks stehen auf dem Tisch, bevor die Cocktails überhaupt da sind. Und ja, bisher klingt es wie eine dieser furchtbaren Tripadvisor-Schilderungen eines nicht ganz glücklich verlaufenen Abends. Denn ein kurzes Warten und schon stapeln sich die Snacks auf dem Tisch. Ja, ja, die Drinks ruhig noch obenauf stellen. Wir bestellen schon mal jeweils ein Glas Wein, eigentlich hätten wäre es eine Flasche die Wahl gewesen, denn die Weinkarte ist fein. Aber so schnell sind die Aperitifs nicht getrunken. Die sind übrigens okay – einer super, einer eher naja.

This is no time for private vendettas Es ist am Ende eher ein erstauntes zur Kenntnis nehmen als ein sich ärgern. Das Essen im Portland ist ja vollkommen in Ordnung. Konzeptionell angesiedelt zwischen dem Tags zuvor besuchten Clove Club und dem am nächsten Mittag noch eingeschobenen Fera at Claridge’s. Während im Clove Club einfach das Gesamtpaket aus Konzept, Location und kulinarischem Inhalt passte und im Fera der Regionalitität, Produkt- und Sevicequalität in Sachen Feinheit ganz andere Dimensionen betreten werden, ist es im Portland ein wenig holzschnittartiger. Es schmeckt, die Ideen sind da, unterstützt von ordentlichen Produkten, dazu in ausreichender Menge auf dem Teller. Es wirkt einen Tick rustikaler, was zum legeren Ambiente mit nachbarschaftlichen Charakter passt. Hier geht man, und dazu passen auch die Preise, mal am Abend hin, wenn man auf dem Kiez wohnt. Dazu passt ebenfalls die Beobachtung, dass man sich an vielen Tischen ganz klassisch Vorspeise, Hauptgericht und Dessert zu Gemüte fühlt und so locker nach zwei Stunden durch ist.

Because the time is getting late Zwei Stunden rum, wir haben das Menü so gerade in der Zeit geschafft. Das erste mal scheint auch beim Service, der freundlich, aber mechanisch-routiniert agierte, ein entspannteres Lächeln übers Gesicht zu huschen. Wir haben uns bemüht, es langsam angehen zu lassen, was ebenso wie dezente Hinweise auf mangelnde Eile nicht viel brachte. Es war wie essen unter Beobachtung: Fertig, Abräumen, nächster Gang. Komischerweise klappen Essen in einem eng gestecktem Zeitrahmen eher nie, wenn man selber danach noch etwas geplant hat und somit abgehetzt oder gleich zu spät zum Konzert erscheint.

Wie erwähnt, war uns das Setting von Anfang an bewußt. Jeder, der schon einmal in den USA essen war, kennt das routinierte Spiel am Ende. Mit dem Kaffee kommt die Rechnung. Time is cash, alles klar. Aber dann müssen Abläufe eben auch perfekt sein. Ein Aperitif, wenn er denn angeboten wird, sollte dann auch zu Beginn kommen, so dass man zur Vorspeise Wein trinken kann. Die Hektik killte den Genuss und das wiederum hat die Küche nicht verdient. Locker hätten wir auch noch das Geld für eine Flasche Wein und ein Gläschen Süßwein im Restaurant gelassen. Allerdings to stay, not to go.

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