Es gab eine Zeit, in der Spesen noch sehr großzügig gehandhabt wurden: Bring einen Bewirtungsbeleleg und alles ist okay. Diese sehr mitarbeiterfreundliche Regelung meines damaligen Arbeitgebers brachte ich mit meinem Kollegen Olli ins Wanken, als wir eines Mittags ins an der Düsseldorfer Königsallee gelegene La Terrazza einkehrten und mit einer gepfefferten Rechnung zurückkehrten. Zugegeben, das war impertinent, doch wir waren jung und die Geschäfte liefen für diese Firma zumindest damals noch gut.

Etwa 17 Jahre später betrete ich erneut den etwas versteckt gelegenen Aufzug, der mich und die Commis in die Restaurantetage bringt. Das Restaurant residiert unter seinen langjährigen Inhabern seit 20 Jahren in exponierter Kö-Lage in oberster Etage eines dreistöckigen Gebäudes im Ensemble des Kö-Centers. Darunter befand sich bis zur Schließung das legendäre Modehaus Eickhoff und nun mit Dior ein nicht minder berühmter Mieter.

Eine spontane Entscheidung, da das Yoshi by Nagaya ausgebucht ist und Berens am Kai am Samstagmittag leider nicht geöffnet hatte. Dafür hatte ich im Hinterkopf, dass seit einem guten halben Jahr im La Terrazza mit Tobias Hammes ein neuer Küchenchef am Herd steht, der einst mit dem Regalido in Meerbusch einen guten Ruf genoss.

Das Restaurant ist mit seinem namensgebenden, umlaufenden Balkon so etwas wie der Logenplatz über der Kö. Fensterfronten zu drei Seiten lassen herrlich viel Tageslicht ins Restaurant. Das Interieur erinnert ein wenig an einen 90er-Jahre Edelitaliener, als Terracotta-Böden noch der letzte Schrei der Toskana-Fraktion waren. Der ein oder andere Sitzbezug mag schon bessere Tage gesehen haben, und dennoch verstrahlt der große Gastraum eine beinahe zeitlose Eleganz und Gediegenheit. Das scheint zur Alterstruktur der Gäste zu passen. Es ist gut gefüllt zur späteren Mittagszeit an einem Samstag und man kennt sich. Schwellenängste wegen Düsseldorf, Kö und Co. sollte man nicht haben, eher wegen der Preise, die einen unvorbereiteten Gast dort treffen könnten, wo’s am meisten wehtut – am Portemonnaie.

Die Karte offeriert Klassiker und modernisierte Gerichte der italo-mediterranen Küche, aktuell jahreszeitlich ergänzt um Spargelgerichte. Die Vorspeise, Tatar vom Weideochsen mit Felsenaustern im Apfelgelee und Rote Bete-Püree, gehört sicherlich zu den “gewagteren” Kreationen des Speiseangebots. Das rohe Fleisch ist herzhaft abgeschmeckt und, bis auf etwas große Zwiebelstückchen, sehr delikat. Besonders die Auster verleiht dem durch Apfel und Rote Bete leicht ins Süßliche gehenden Gericht eine gewisse jodige Spannung. Guter Auftakt.


Vom Spargelhof Allofs aus Walbeck stammt der Stangenspargel mit Sauce Hollandaise und Petersilienkartoffeln sowie Wiener Schnitzel. Nicht, dass man die Herkunft explizit schmecken würde, aber das Gemüse ist auf den Punkt gegart und aromatisch. Ein klassisch geschulter Küchenchef wie Hammes (ausgebildet bei Dieter Kaufmann in der Traube in Grevenbroich) bekommt die Butter-Eigelb-Sauce hervorragend hin. Dazu gelingt die bis in die Spitzengastronomie kritische Zubereitung von Kartoffeln, die Geschmack haben und nicht wie erneut erwärmt oder warmgehalten schmecken.Ähnlich das Bild bei der Piccata Milanese mit Spinat und mediterranem Kartoffelgratin. Das Kalbschnitzel ist auf den Punkt zubereitet, die Parmesan-Note in der Panierung, die einen Hauch luftiger sein könnte, sehr gut schmeckbar. Dazu das kräftig, aber noch angenehm gewürzte Beilagenensemble, das schlicht und ergreifend auf den Punkt ist. Statt einer klassischen Tomatensauce zum Fleisch serviert Hammes ein intensives, dichtes Sugo mit Oliven- und Gemüsestücken, das in Richtung Caponata geht. Hier wäre eine etwas mildere Herangehensweise vielleicht etwas feiner. Dazu empfiehlt der Service einen Lugana – Prestige steht auf dem Etikett, wir sind ja an der Kö – der erfreulicherweise nicht das (mein) Klischee eines dünnen, belanglosen Weins erfüllt.

Beim italienischen Dessertklassiker dominieren die marzipanähnlichen Aromen des italienischen Likörs die perfekt aufgeschlagene Schaumcrème. Dass Zabaglione mit Amaretto, Waldbeeren und Vanilleeis funktioniert, überrascht derweil natürlich nicht, schmeckt aber gut.

Das war ein äußerst befriedigender Lunch. Gute Produkte wurden auf den Punkt zubereitet. Die Küche setzt auf bekannte Gerichte und Aromen. Damit wird wahrscheinlich exakt die Erwartungshaltung der Gäste bedient. Daran gibt es auch überhaupt nichts auszusetzen, weil es mitunter wohltuend ist, das serviert zu bekommen, was man bestellt hat.

Das einzige, was schmerzt, sind sicherlich die Preise. Lage, Lage, Lage! – aber wer sich auf der Domplatte in Bella Italia einen Cappuccino bestellt, sollte sich ebenfalls nicht über den Aufschlag zu einer Kaschemme in der Seitengasse wundern. Bei dem, von Ausnahmen, die man in Laufdistanz natürlich findet, abgesehen, Angebot zweifelhafter Lokalitäten an Düsseldorfs Prachtmeile sollte man lieber ein wenig mehr für’s Essen zahlen und es schmeckt als sich über mediokre Küche zu günstigerem Kurs zu ärgern – Ausblick ohne Laufsteggefühl und Dünkel inklusive.

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