AIRrepublic, Cadzand, Niederlande

Bäh, will nicht umami-Sauce!”, sagt energisch das Kind und schiebt den Teller weg. Mit dem Gericht von der Kinderkarte hat Sergio Herman in seinem Ende März 2017 eröffneten AIRrepublic ausnahmsweisen keinen Volltreffer gelandet. Zumindest bei diesem kleinen Gast nicht. Das Kind hat in gewisser Weise recht: Die Buttersauce ist konzentriert aromatisch. Am Ende liegt es auch nicht am Kinderteller der Auswahl, die eben mal nicht auf Frittiertes für die Kleinen setzt. Die saftige Schnitte vom Kabeljau mit Stampfkartoffeln und Saisongemüse schmeckt nämlich sehr gut. Die Lustlosigkeit des Kindes bei der Nahrungsaufnahme könnte auch an der Sättigung durch das knusprige italienische Brot, das mit Sauce Romesco, Oliven und Lauchzwiebeln auf den Tisch kam liegen –  und zuletzt wohlmöglich an der Aussicht auf Kinderhandy im Restaurant gucken, damit die Eltern in Ruhe essen können.

Sergio, Superstar. Dem Niederländer scheint auch nach der Schließung des Oud Sluis im Jahr 2013 jedes seiner Projekte zu gelingen. Erfolgreich mit dem The Jane in Antwerpen, nebenan im Strandhotel im Pure C läuft’s prächtig und – Pommes gehen immer – auch die Frites Ateliers in Den Haag, Utrecht, Arnheim, Antwerpen und bald Amsterdam sind zum Anbeißen. Dazu setzt er auf Köche, die durch seine harte Schule (“fucking perfect”) mit viel Stress, Arbeit und Druck gegangen sind. Die Dokumentationen zeigen es, Herman schonte auch sich selbst nie. Küchenchef im AIRrepublic ist Alex Buiten, der wie der talentierte Syrco Bakker im Pure C schon lange mit Herman zusammenarbeitet. Sergios Arm reicht mit Tohru Nakamura im Münchener “Geisels Werneckhof” und Arne Anker mit Oud Sluis-Fame im Berliner “Pauly Saal” sogar bis nach Deutschland.Jachthafen Cadzand-BadAußenansichtUnd noch einmal Sauce – ein gutes Stichwort. Hat Sergio Herman im Oud Sluis Zitrussäure in komplexen Konstruktionen durchdekliniert, und so ganz nebenbei mit Jonie Boer die niederländische Küche revolutioniert, ist der Ansatz in der familienfreundlichen Strandbude ein anderer. Die Lage im neu erbauten Jachthafen von Cadzand lässt bei AIRrepublic direkt an einen der vielen Strandpavillons an der niederländischen Küste denken – die besten werden sogar in eigenen Wettbewerben ermittelt. Natürlich ist dies nicht irgendeine Strandbude: Die hier servierte Brasserie-Küche mit zeeländischen Produkten legt den Schwerpunkt auf Fisch und Meeresfrüchte. Diese und andere Gerichte werden ohne viel Schnickschnack serviert. Eine traditionelle Küche, die an Sergios Wurzeln erinnern soll – und ab und an blitzt dann doch noch die typische Handschrift auf. Viele der Gerichte standen auch schon beim Vater des Meisterkochs auf der Karte im familiengeführten Oud Sluis.  Alls die spätere Gourmet-Pilgerstätte noch ein rustikales Meeresfrüchte- und Fischlokal war. Neben dem Restaurant gibt es das easy going Tagescafé AIRcafé für die hungrigen und durstigen Strandurlauber und -wanderer mit Terrasse und Mitnahmemöglichkeit.AirRepublic KücheAirRepublic InterieurUnd natürlich brummt es in der Strandbude mit offener Küche und großem Bar- und Anrichtetresen. Große Tischgesellschaften überraschend junger Gäste, Familien, ältere Pärchen; zumeist Niederländer oder aus dem nahen Belgien, Deutsch ist nicht zu hören. Die Stimmung ist lebhaft, die einen Gäste kommen elegant gekleidet, andere sind auf den Strandtag zuvor oder danach eingerichtet. Irgendwo dazwischen liegt auch die Inneneinrichtung des lichtdurchfluteten Raums mit blanken Holztischen mit Beinen aus Schiffeisen, Sergios Stühlen, die man erwerben kann (der einzige Personenkult) und Bänken, bezogen mit Stoff aus Fallschirmen – lässig eben. Das Essen kommt in Sergio Hermans Serax-Linie “Surface” auf die Tische und wird mit dem dazugehörigen Besteck gegessen. Der Champagner wird in Schalen (!) serviert, der Wein – die Weinkarte ist fair kalkuliert – kommt später in ziemlichen Humpen. Dazu können schon erste Kleinigkeiten wie Krabbensuppe, Räucheraal oder Austern geordert werden. Die Kleinigkeiten locken zwar, doch mit der urklassischen Speisefolge aus Vorspeise, Hauptgericht und Dessert ist man bestens bedient und kommt anschließend nicht um einen Spaziergang oder eine Siesta herum.AiRrepublic Fischsuppe Oud Sluis AiRrepublic Gazpacho MackerelJetzt bekommt das Kind doch wieder Lust auf Essen. Auf die diversen Muscheln in der Fischsuppe ‘Oud Sluis’. Kein Problem, denn es ist reichlich Einlage in bester, saftiger Qualität vorhanden. Die Suppe ist kräftig gewürzt, aber an keiner Stelle überwürzt. Da braucht es die Kartoffel darin nicht unbedingt und das Knusperbrot sowie die mayoartige Sauce Rouille werden nicht benötigt. Später natürlich zusammen verspeist – soll ja nix umkommen.

Bei Gazpacho, Makrele, Wassermelone und Sellerie gelingt spielerisch leicht, was viele probieren und sich dabei abmühen. Eine Fingerübung aus Kühle, Frische, feinem Säurespiel und hervorragendem, prägnantem, festem Fisch. Dieses Gericht trägt an diesem Mittag am stärksten die unverkennbare Handschrift des Meisters.AIRrepublic Brill BBQAIRrepublic Holstein BBQ, vegetable salad, bearnaise, fries

Wie der Kabeljau ist auch das erste Hauptgericht, Glattbutt BBQ mit mediterranen Gemüsen und Hummer Sauce béarnaise, aufgebaut. Saftig an der Gräte gegart steht das beeindruckende Stück im Mittelpunkt und wird von einer intensiven Sauce begleitet. Wider besseren Wissens findet zu viel den Weg auf den Löffel und in den Mund. In einer Muschelnudel liegt das elegante Ratatouille, mit Rauchpaprika gewürzt und tomatisiert.

Genug gekräuterte Buttersauce gibt’s auch beim Holstein-Rind BBQ mit Gemüsesalat, Sauce béarnaise und Pommes frites. An den Pommes – Frittieren gelingt wie in nahezu jedem Strandpavillon ausgezeichnet – blieb die Schale. Das ist rustikal und sorgt für mehr Kartoffelgeschmack. Das “gute Gewissen” stellt ein vielschichtiger Salat aus Gurke, Eisberg, Tomate, Möhre, Radieschen und herben Wildkräuter in einer Vinaigrette mit Senfsaat dar. Ein kühlend, knackiges Element in dieser wuchtigen Zusammenstellung. Dass all das wunderbar schmeckt, muss nicht extra erwähnt werden, oder?  Dann schon eher, dass die Preise – Fisch 48 Euro, Fleisch 49,50 Euro – angemessen erscheinen.AIRrepublic PavlovaHey, Desserts gehen noch, zwei sogar, schließlich sind wir bei Süßkram erst recht zu dritt. Die Pavlova mit Himbeeren und Pistazien ist hübsch anzuschauen und schmeckt gut, weil die Frucht schön herausgearbeitet und die nach einer Ballerina benannte Sahnetorte ihrer Mächtigkeit beraubt wurde. Lediglich die Hülle aus Baissermasse ist ein wenig zu sperrig.

Manchmal gilt: je einfacher, desto mjam. So gefällt die Dame Blanche mit ihrer Dreifaltigkeit aus köstlichen Vanilleeis mit ein wenig Knusper, einer betörenden lauwarmen Schokoladensauce und einem Kleks Sahne mit Schokostreuseln. Dieses einfache Dessert, hierzulande als Coupe Dänemark bekannt und beliebt, funktioniert, weil alle Zutaten nahezu unschlagbar perfekt sind. Es darf eben manchmal einfach nur lecker sein.

Das gilt eigentlich für den gesamten Besuch im AIRrepublic. Es geht einfach und zugänglich zu, üppige Portionen mit einem Fokus auf ausgezeichnete Produktqualitäten stehen im Mittelpunkt – und ab und an blitzt dann doch noch die typische Handschrift auf. Die Gerichte sind präzise zubereitet. Wunderbar ist, ausreichend zum Schwelgen auf dem Teller zu haben, und dass richtig viel Sauce für einen Nachschlag wartet. Mit dieser Art der Küche liegt Sergio Herman im Trend. Bei aller feinziselierter, avantgardistischer Küche wünscht sich so mancher wohlschmeckende und wohltuende Einfachheit. Kein Problem, wenn sie so gut ist. Schön also, dass es die Wahl zwischen Kopfküche und Bauchküche für den Gast gibt.

Aqua, Wolfsburg

Exakt drei ernsthafte Gründe finden sich, als Ortsfremder und nicht mit der Automobilindustrie Verbandelter nach Niedersachen an den Mittellandkanal zu reisen. Das Abholen eines neuen Autos bei Volkswagen in Wolfsburg steht an, dein Verein spielt gegen den ortsansässigen Werksverein oder ein Tisch bei Sven Elverfeld im Restaurant Aqua im “The Ritz-Carlton” in der Autostadt ist reserviert. Sinnvolle Kombinationen sind möglich.

Durch die Autostadt, rein ins The Ritz-Carlton: Ankommen im Restaurant Aqua

Siebzehn Jahre existiert das Aqua im gleichsam künstlichen und doch vergnüglichen, einzigartigen Automobil-Freizeitpark. Das Restaurant gehört zu den Top-Adressen der Republik, die ich am häufigsten besucht habe. Der fünfte Besuch ist nun Anlass, endlich einmal an dieser Stelle darüber zu schreiben; meine Eindrücke vom Besuch in 2015 finden sich größtenteils hier wiedergegeben. Nach diesen Informationen zur Zeitachse nur das Wichtigste zum Ambiente: Es stört beim Essen nicht, das ist höchstes Lob – die Vierjahreszeiten-CD auf heavy rotation wurde auch endlich abgeschafft.

Viel interessanter ist die Entwicklung von Sven Elverfelds Küche. Mein erster Besuch 2005 war noch von der sicheren klassischen Gourmetnummer geprägt, absolute Sättigung bereits beim Hauptgang garantiert. Sahne, Butter, Edelprodukte: das war erwartet und ohne Überraschung gut, schmeckbar die Stationen der jungen Laufbahn. Der Pflichterfüllung und dem Eintritt in höchste Bewertungssphären folgten mehr Mut zur Individualität und das Ausbilden einer Handschrift. Elverfelds Generation (Bau, Bühner, Erfort, Henkel, Wissler) schüttelte in dieser Phase die Last der Lehrmeister ab (“Neue Deutsche Schule”) und schlug ihre – Achtung, Schublade – Richtung ein: Avantgarde, modernisierte Klassik, puristische und asiatisch inspirierte Produktküche. You name it, sagen Agentur-Heinis dazu.

Es war auch die Zeit der Dekonstruktion. Elverfeld, Jahrgang 1968, fand einen ganz eigenen Zugang. Gerichte wie seinen “Tafelspitz vom Müritzlamm mit Frankfurter grüner Sauce, Kartoffel und Ei” richtete er neoplastizistisch flächig rechteckig an. Wichtiger: Gerichte der deutschen Alltags- und Sonntagsküche spielten auf einmal nicht nur optisch beeindruckend und doch leicht artifiziell, sondern aromatisch verdichtet und verfeinert eine Rolle. Keine Regionalküche, doch Produkte und Versatzstücke, auch der eigenen hessischen Herkunft, fanden wie bei “Odenwälder Schnecken mit Frankfurter Kräuter-Sud, Mark-Emulsion, Duxelles und Schneckenkaviar” den Weg auf die stets eleganten Teller. Für weitere Aha-Effekte sorgten damals in feinen Gourmetkreisen als gewagt erscheinende Kombinationen wie Wolfsbarsch mit einem Brathähnchen-Sud. Gerichte, die in einem Gesamtmenü hervorstachen. Wie auch Fortschreibung mit der genialen Borschtsch in einer eisigen Sauerrahmkugel oder der “Pizza Frutti di mare” beim Besuch in 2012. Das war jeweils ein Peak in Menüs auf höchsten Niveau und doch ein Geniestreich, der extrem die Dramaturgie sprengte, weil das Bessere das Gute verblassen lässt.

Beim Besuch 2015 deutete sich eine weitere Entwicklungsstufe an. Die Gerichte wirkten entspannter, natürlicher und damit in der Gesamtabfolge stimmiger. Ein paar Intensitätspetitessen fielen unter Lupenbetrachtung druckvoll auf, der süße Abschluss wirkte etwas unrund. Entspannung zudem an der Weinfront mit Sommelier Marcel Runge, der zu einem der lockersten und dabei großartig choreographierten Teams unter der Leitung von Maitre ‘d Jimmy Ledemazel stieß.

Das Essen, die große Reise – Schluss mit Gequatsche

Olive / ChampignonNun also Aqua revisited. Wie vielerorts mittlerweile praktiziert, ballert Sven Elverfeld den Gast zu Beginn nicht mehr mit einer sich übertrumpfenden und sättigen Abfolge von Kleinigkeiten und Amuse-Gueules zu. Ein Klassiker die karamellisierte Kalamata Olive. Die Süße fängt die herbe Aromatik der Olive wieder auf – doch bleibt ein wenig süßlich klebrig. Das schmeckt zum trockenen Sherry wunderbar. Bevor die Olive also ans Ende des Menüs befohlen wird, springt ihr der gefüllte Champignon mit Granny Smith und Petersilie waldig und pilzpfanneartig helfend zur  Seite.Bao Bun / Wilder BurgerDer Gedanke bei Bao Bun mit geschmorter Rehschulter, Douglasiensirup & Eberesche und „Wilder Burger“ mit Wildwurst, Preiselbeere & Krautsalat ist, erzählt Elverfeld, internationalem Fast-Street-Food eine regionale Füllung zu verpassen. War der orientalische Burger beim letzten Besuch noch geschmacklich beim Besserburger verhaftet, schmeckt der wilde Burger jetzt milder und transparenter, noch besser.
Für das Bao Bun habe eine asiatische Köchin dem Team die Herstellung der gedämpften Hefe-Brötchen beigebracht, die schon ohne Füllung latent einschmeichelnd sind, so dass die minimal süßlichen Schmornoten des Wildfleisches eine bessere Paarung als süßlich aromatisiertes Pulled Pork sind. Read More

Zur Golden Kron, Frankfurt

AußenansichtZwei Frankfurter Gastronomie-Haudegen haben sich zusammengetan und Mitte des Jahres einen Gasthof par excellence im ländlichen Randstadtteil Eschersheim eröffnet. Alfred Friedrich und Pit Punda haben nach einiger Renoivierungszeit des abgerockten Fachwerkhauses mit der revitalisierten Zur Golden Kron ein kleines Idyll mit lauschigem Innenhof und gemütlicher Gaststube geschaffen.

Der Linzer Alfred Friedrich ist Österreicher. Die letzten Jahre war er ein Fixpunkt am Frankfurter Genusshimmel. Unter seiner Ägide erreichte die Küche im Tigerpalast zwei Michelinsterne. Ehrungen, die dem 60-Jährigen nicht fremd sind. Er kochte bei Jörg Müller auf Sylt, arbeitete als Souschef in Witzigmanns legendärer Aubergine, war Küchenchef bei Heinz Winkler in Aschau und begann seine Ära in Hessen im Restaurant Marcobrunn auf Schloss Reinhartshausen, bevor er im Zarges auf der Fressgass auf den “Mundschenk aus Leidenschaft” traf. Sommelier Pit Punda war den Frankfurtern aus dem Cyrano ein Begriff – hochgewachsen und mit nunmehr grauem Pferdeschwanz sorgt sein Äußeres neben seiner Kompetenz für hohen Wiedererkennungswert. Punda verschlug es dann für einige Jahre in die Offenbacher Gastro-Oase SchauMahl.

Schaut man vor einem Besuch unsinnigerweise in das unsägliche Bewertungsportal Tripadvisor, ist in Negativ-Kommentaren die Rede von nicht vorhandenem Ambiente, schlechtem Service und überhöhten Preisen – und dann kostet auch noch das Wiener Schnitzel vom Kalbsrücken(!) 26 Euro!

Der Reihe nach. Das Ambiente hat bei der behutsamen Renovierung, Sanierung seinen Wirtshaus-Charme behalten. Blanke Tische, wuchtige Holzstühle, Eckbänke mit Lodenkissen, dazu ein paar Designleuchten, hübsch-gemütlich und kein verkitschter Landlust-Style. Die Toilettenanlagen – ja, ja, es gibt Leute, die testen das – für deren Besuch man den Innenhof durchqueren muss – schafft man; eine häufige Anordnung in so alten Bauwerken – wurden neugemacht. Hätte jemand geschrieben, die Weingläser könnten feiner sein, hätte er schulterzuckende Zustimmung erhalten. Weil das die trinkfreundlich kalkulierten Weine aus der Weinkarte mit deutsch-österreichischem Schwerpunkt noch besser zur Geltung brächte. Doch Wichtiger ist, was dann der freundlich-flotte Service auf den Tisch stellt.geräucherte SchweinebackeBackhuhnsalat Read More

Fleher Hof, Düsseldorf

Außenansicht Fleher Hof

Die Welt besteht nicht nur aus Spitzengastronomie. Gelegentlich denke ich, wie wunderbar es wäre, jeden Tag zu den Sternen zu streben, doch dann fällt es mir wie Sternenstaub von den Augen: Das möchte ich nicht. Was also tun, wenn die heimische Küche kalt bleibt. Es giert der Appetit nicht nach asiatischer, italienischer Küche, die Hände wollen keinen Burger zum Mund führen – und ein hippes, crossover, casual fine dining–Konzept ist keine Lösung: Komm, geh weg! Rustikal, regional, ehrlich und, jaja, lecker, das wär’s!

Zuviel Geschwafel? Zum Eigentlichen über den Fleher Hof herunterscrollen

Dann verliert die gastronomische Alltagswelt urplötzlich an Farbe. Viele Grautöne. So manches Mal sehe ich schwarz. Kladdenartige, abgegriffe Speisekarten, deren kleine Zahlen verräterisch die Lustlosigkeit und mangelnde Inspiration der Betreiber und Küche in einem einzigen “Convenience!” hinausposaunen. Prolepsis, Prolepsis: Der Gast möchte möglichst zügig große Portionen zu kleinen Preisen. Dabei soll, will und muss der Wirt noch Geld verdienen. Und die Miete und die Pacht. Der Personalmangel. Ein Dilemma.

Umso größer die Freude, wenn im Grau des Düsseldorfer Zooviertels – ausgenommen das Tafelspitz 1876 – im Hinterkopf eine Stimme raunt: Flehe, Flehe, Flehe! Das ist kein falscher imperativ, der zur Flucht aufruft; das ist ein Stadtteil, den ich als nunmehr halber Düsseldorfer seltenst aufsuche. Ich muss an den Opa denken. Unsere Gespräche begann er mit einem “Was macht Düsseldorf? Gibt’s die Schumacher Brauerei noch?” Der meiner Antwort “Ja, gehe ich manchmal auf der Oststraße hin.” folgende Monolog über 70 Jahre zurückliegende, kaum zu vergessene Ereignisse wurde zumeist mit “Da war ich früher öfter. Als ich in Flehe lag.” eingeleitet.

Als ich in Flehe lag… Der kleine Stadtteil Flehe liegt hübsch am Rhein. Dörflich sieht es aus. Eine interessante Sichtachse tut sich auf, der Blick reicht bis zum – man muss es so nennen – Wahrzeichen, dem Rheinturm. Eine Kopfdrehung um 180 Grad macht das Dilemma Flehes klar. Der Blick fällt auf den die Schrägseile haltenden Stahlbetonpylon der imposanten Fleher Brücke. Was Brückenbauaficionados begeistern mag, ist für die Anwohner eine Plage. Die über die Konstruktion verlaufende Autobahn A46 verbindet vielfrequentiert den Rhein überquerend Düsseldorf und Neuss.

Düsseldorfer Senfsuppe: Kartoffel-Lauchcrèmesuppe mit ABB-Senf und Mettwurststrudel

Fleher Hof: Hier geht’s los!

Und dennoch ist seit Mitte Mai dieses Jahres Flehe ein guter Fluchtpunkt. Landgast haben die jungen Betreiber dem Namen der traditionsreichen Gaststätte Fleher Hof hinzugefügt. Melanie Lorbach und Dennis Schürmann heißen die Verwegenen. Beide haben Gastronomieerfahrung. Warum wir den aufgrund der sommerlichen Ferienzeit nicht lange anhaltenden Feinstaubausstoß während der Stadtdurchquerung auf uns nahmen? Während sie mit Kompetenz in Sachen Service und Wein an der Front steht, steht in der Küche ein waschechter Bilker, also knapp vorbei an Flehe geborener Düsseldorf, der zuletzt Souschef von Holger Berens war. Das sind sie also wieder, die Verbandelungen mit der Spitzengastronomie. Zuvor lernte er im Breidenbacher Hof.

Dass es mit Schlüssel ein ordentliches Hausbrauerei-Altbier gibt, erfreut, überrascht noch nicht. Für wahre Freude sorgt die Speisekarte. Die ist übersichtlich, damit beginnt es. Ausnahmsweise ist die Hübsche zudem zitierfähig: “Wir kochen rheinisch, bodenständig, mit der Finesse der französischen Brasserien, zubereitet mit dem Wissen und den Techniken der modernen Küche.”

Kindergericht

aus der Kinderkarte: Hausgemachte Fischstäbchen aus Seelachsfilet mit Kartoffelstampf

Eifeler Ur-Lamm

Schulter vom Eifeler Ur-Lamm mit Pfifferlingen, Kirschtomaten und Kartoffelkrapfen

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Restaurant Intense, Kallstadt

Endlich ist er wieder da: Benjamin Peifer hat sein Restaurant Intense in Kallstadt in der Pfalz aufgesperrt. Knapp ein Jahr ist vergangen, seit er am 16. Juli 2016 im Restaurant Urgestein in Neustadt an der Weinstraße seinen letzten Arbeitstag hatte. Dort hatte sich der 30-Jährige Pfälzer in seinem vierjährigen Schaffen einen sehr guten Namen erkocht. Seine vielfach ausgezeichnete Küche kombinierte regionalen, intensiven Geschmack und lokale Produkte mit der Feinheit und Weltläufigkeit einer Spitzenküche, die nicht vor asiatischen Einflüssen und weitgereisten Produkten zurückschreckte.
Wie es sich heutzutage gehört, hat Benjamin Peifer die Zeit bis zur Neueröffnung in den sozialen Medien angemessen inszeniert. So weckt ein ambitionierter Gastronom Neugierde und sorgt schon vor Eröffnung für Nachfrage – zudem macht es auch aus der Ferne Spaß, eine Restauranteröffnung virtuell begleiten zu können. Ich habe einen Tisch in der Pre-Opening oder Soft-Opening-Phase ergattert und sitze nun wenige Tage nach dem Start am Stammtisch. Im mit Bedacht hell-modern und geschmackvoll eingerichteten historischen Fachwerk-Ambiente nehmen daran an diesem Abend weitere sieben neugierige, erwartungsfrohe und genussfreudige Gäste Platz. Zu essen gibt es eine Intense-Variante vom japanischen Omakase: “S`werd gesse, was uff de Disch kummt”.

Selbständigkeit und Selbstverwirklichung führen auch in der Küche und beim kleinen Team zu neuen Konstellationen. Zum ersten Mal arbeitet Peifer mit seiner Lebensgefährtin Bettina Thiel, zuständig für Service und Wein, und seinem besten Kumpel Maximilian Goldberg (zuletzt als Koch im Taubenkobel und Emma Wolf tätig) in der Küche zusammen. Die Küche hat das Trio freundlicher eingerichtet. Schließlich halte er sich dort die meiste Zeit auf, so Peifer, und wolle sich dort wohlfühlen. So sieht das Herz des Intense persönlicher aus: weniger Edelstahl, kaum komplizierte Groß-Apparaturen. Stattdessen stehen dort ein beinahe haushaltsüblicher Kühlschrank und ein eher kleiner Backofen.

1. Gequellde mit weißem Kees

2. Macaron Hommage an die Pfalz

3. Dampfnudel und Woisoss4. Kingfish (Hamchi) als Cevice mit Tomate und Jalapeño
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